Stellungnahme von alangu zur aktuellen Entwicklung
Stellungnahme von alangu zur aktuellen Entwicklung der Gebärdensprach-Avatare
Mehrere Verbände der Gehörlosen-Gemeinschaft machen deutlich, wie sensibel, vielschichtig und verantwortungsvoll der Umgang mit Gebärdensprache, kultureller Identität und digitaler Barrierefreiheit gestaltet werden muss.
Wir begrüßen ausdrücklich, dass die Verbände zentrale Themen wie sprachliche Qualität, kulturelle Integrität, Partizipation, Transparenz und faire Rahmenbedingungen so deutlich benennen. Diese Aspekte sind auch für alangu leitend, nicht als Marketingbegriffe, sondern als dauerhafte Arbeitsgrundlage.
Gemeinsames Ziel: echte Barrierefreiheit statt symbolischer Lösungen
Die Verbände warnen vor „Alibi-Barrierefreiheit“ und davor, dass technische Lösungen Barrieren nur scheinbar abbauen. Diese Sorge teilen wir. Auch aus unserer Sicht darf Technologie niemals dazu führen, dass menschliche Expertise, professionelle Übersetzungsarbeit oder qualifizierte Gebärdensprachangebote ersetzt oder verdrängt werden.
Unsere Systeme sind daher nicht als Ersatz, sondern als ergänzende Zugangsoption gedacht, insbesondere dort, wo bislang überhaupt kein gebärdensprachlicher Zugang existiert. Unser Anspruch ist es, digitale Angebote für gehörlose Menschen zu erweitern, nicht zu verengen.
Zum technologischen Stand und zur Rolle von KI
In der Stellungnahme wird kritisch angemerkt, dass heutige Avatar-Systeme keine „vollwertige KI“ im Sinne einer frei generierenden Sprachintelligenz seien. Diese Einordnung greifen wir gerne auf.
Tatsächlich befinden sich gebärdensprachbasierte Systeme, ähnlich wie viele andere KI-Anwendungen im Sprachbereich, in einer klar definierten Entwicklungsphase. Aktuell arbeiten wir mit strukturierten, qualitätsgesicherten Bausteinen, die auf menschlicher gebärdensprachlicher Expertise beruhen. Dies ist aus unserer Sicht kein Mangel, sondern ein bewusster Schritt, um Verlässlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle sicherzustellen.
Unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit bewegt sich dabei bewusst im Spannungsfeld zwischen technologischer Innovation und gesellschaftlicher Verantwortung. Dass alangu im Rahmen des EIC Accelerator Programms der Europäischen Union mit dem „Seal of Excellence“ ausgezeichnet wurde, verstehen wir nicht als Legitimation für den Einsatz von Avataren in jedem Kontext, sondern als Bestätigung eines forschungsorientierten, transparenten und reflektierten Vorgehens im KI-Umfeld. Diese Auszeichnung verpflichtet uns aus unserer Sicht besonders dazu, technologische Grenzen offen zu benennen und Weiterentwicklung gemeinsam zu gestalten.
KI ist in mehreren Komponenten unserer Systeme implementiert. alangu nutzt unter anderem transformerbasierte Modelle und weitere KI-gestützte Verfahren, um gebärdensprachliche Inhalte strukturiert zu beschreiben, zu parametrisieren und technisch kombinierbar zu machen. Diese Modelle basieren auf neuronalen Netzarchitekturen, die für die Verarbeitung von Sequenzen, Kontextinformationen und visuellen Merkmalen geeignet sind und heute sowohl in der Sprachverarbeitung als auch in der Computer Vision zum Einsatz kommen.
Die inhaltliche Verantwortung für Bedeutung, Angemessenheit und Qualität liegt dabei stets bei qualifizierten Fachkräften und wird durch mehrstufige Qualitätssicherungsprozesse begleitet.
Fachlichkeit, Qualifikation und Qualitätssicherung
Die Stellungnahme betont die Notwendigkeit qualifizierter, professioneller und strukturell eingebundener gehörloser Expertise. Auch das ist ein Anliegen, das wir ausdrücklich teilen.
In der Entwicklung, Erstellung und Qualitätssicherung unserer Inhalte arbeiten bei alangu Fachkräfte mit nachweisbarer Expertise in den Bereichen Gebärdensprache, Übersetzung, Linguistik, Medienproduktion und Technologie. Erworbene Qualifikationen, Weiterbildungen und Zertifikate sind für uns Voraussetzung, nicht Ausnahme. Qualität in der gebärdensprachlichen Vermittlung ist aus unserer Sicht untrennbar mit fachlicher Kompetenz, klaren Rollenprofilen und überprüfbaren Standards verbunden.
Gleichzeitig verstehen wir Qualitätssicherung nicht als statischen Zustand, sondern als kontinuierlichen Prozess, der Feedback, Evaluation und Weiterentwicklung einschließt, insbesondere im Austausch mit der Gehörlosen-Community. Dabei gehen wir in vielen Bereichen bewusst über formale Mindestanforderungen hinaus und setzen auf weiterführende Qualitäts- und Qualifikationskriterien.
Partizipation, Mitgestaltung und Verantwortung
Die Verbände fordern zu Recht verbindliche Formen der Partizipation und eine stärkere strukturelle Einbindung gehörloser Perspektiven. Auch wir sind überzeugt: Nachhaltige Lösungen im Bereich Gebärdensprache können nur gemeinsam mit der Community entstehen.
alangu arbeitet seit der Gründung mit gehörlosen Mitarbeitenden und externen Fachpersonen zusammen. Zugleich nehmen wir den Dialog zum Anlass, unsere Strukturen fortlaufend zu reflektieren und weiterzuentwickeln, insbesondere mit Blick auf Mitgestaltung, Transparenz und Entscheidungsprozesse.
Partizipation verstehen wir dabei nicht als symbolische Sichtbarkeit, sondern als lernenden Prozess, der klare Verantwortlichkeiten, Offenheit für Kritik und die Bereitschaft zur Veränderung voraussetzt.
Sprache, Kultur und Verantwortung
Die Verbände weisen zu Recht darauf hin, dass Gebärdensprache keine technische Ressource, sondern eine lebendige Sprache mit kultureller, sozialer und identitätsstiftender Bedeutung ist. Diese Perspektive teilen wir uneingeschränkt.
Ethische Leitlinien, wie die Grundsätze der European Union of the Deaf (EUD) zu KI und Gebärdensprache, verstehen wir als wichtige fachliche Orientierung. Unsere öffentliche Auseinandersetzung mit diesen Leitlinien zielte und zielt nicht auf formale Legitimation, sondern auf Transparenz darüber, an welchen Maßstäben wir uns orientieren und wo wir Weiterentwicklungsbedarf sehen.
Für uns ist entscheidend, dass Avatar-basierte Darstellungen klar als solche erkennbar bleiben und nicht als normativer Maßstab für natürliche Gebärdensprache verstanden werden, insbesondere nicht im Bildungsbereich oder im Spracherwerb.
Dialog
Die Forderung nach einem Moratorium verstehen wir als Ausdruck tiefgehender Sorgen und eines hohen Schutzbedürfnisses gegenüber sprachlichen und kulturellen Risiken. Wir plädieren für einen strukturierten, transparenten Dialog, der:
- klare Qualitäts- und Einsatzkriterien definiert
- partizipative Strukturen stärkt
- unterschiedliche Einsatzkontexte differenziert betrachtet
- und technologische Entwicklung unter realer Mitwirkung der Gehörlosen-Community ermöglicht
alangu ist bereit, sich diesem Dialog zu stellen – offen, selbstkritisch und lernbereit.
Ausblick
Die Diskussion um Gebärdensprach-Avatare zeigt, wie wichtig es ist, technologische Innovation nicht isoliert, sondern sozial, kulturell und politisch eingebettet zu denken. Wir sehen die Stellungnahme der Verbände als Einladung, den Dialog gemeinsam verantwortungsvoll zu gestalten.
Unser Ziel bleibt eine digitale Zukunft, in der gehörlose Menschen nicht Objekt technologischer Entwicklungen sind, sondern deren aktive Mitgestalter*innen.
Wir laden alle beteiligten Akteur*innen der Verbände und der Community ausdrücklich zum Austausch ein.
alangu GmbH
E-Mail: info@alangu.de